Eutopos

Entwerfen ist immer auch Arbeit an der Zukunft. Die Gestaltung dessen, was sein soll, kann dabei nach dem Unerreichbaren greifen, nach Weltenwandel und Utopie, oder aber den Eutopos, den schönen, lebenswerten Ort, im Hier und Jetzt zu verwirklichen suchen. Im Zeichen dieser zweiten Suche stehen heute Nachhaltigkeit, soziale Durchmischung und Inklusion ganz oben auf der politischen Agenda - allesamt Werte, die sich kontinuierlich entwickeln und nur in der konkreten Auseinandersetzung mit Ihnen Gestalt annehmen, eben auch in den Abschlussarbeiten der Abteilung Architektur. Gerold Götze und Wolfgang Wiechers beschreiten in diesem Sinne 1971 die Anfänge einer eutopischen Barrierefreiheit. Ihre Versorgungseinrichtungen der Altenhilfe versuchen mit einer kleinteiligen Verzahnung von privaten, gemeinschaftlichen und öffentlichen Bereichen Bewegungsraum und Selbstbestimmung im Alter zu erhalten. Die 1979 entstandenen Wohn- und Gemeinschaftseinrichtungen in Melverode von Peter Freundenthal und Maria Biermeyer streben mit ihren wie gewachsen anmutenden Knicken und Wellen nach der Vereinigung von Stadt, Dorf und Wohngruppe, von Wohnen und Freizeit unterschiedlicher Nutzer (Herd).

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Gerold Götze, Altenhilfezentrum Braunschweig, 1971, Prof. Ostertag, Grundriss Erdgeschoss 

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Peter Freundenthal, Wohnen- und Gemeinschaftseinrichtungen in Braunschweig-Melverode, 1979, Prof. Wagner, Grundriss EG mit Ansicht 

Am Beispiel der Arbeit von Herman Gaffga erkennt man, wie die Bürger ab Ende der 1960er Jahre verstärkt in die Planung involviert wurden (Partizipation). Bereits damals stellte sich jedoch die Frage, ob sich Öffentlichkeit und Begegnung in der Stadt der Zukunft in den digitalen Raum verlagern, wie an Freudenthals "Kontakt-Computer" erkennbar.

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Hermann Gaffga, Bremen-Oslebshausen. Vorschlag für den Ausbau einer innerstädtischen Entwicklungsachse, 1972, Prof. Bruckmann, Planungsvorstellungen des Bürgervereins 

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Peter Freundenthal, Wohnen- und Gemeinschaftseinrichtungen in Braunschweig-Melverode, 1979, Prof. Wagner, Kontakt-Computer 

Insbesondere die Arbeiten an Prof. Guldagers Institut für Entwicklungsplanung und Siedlungswesen haben sich schon früh mit Ansätzen auseinandergesetzt, die heute als Transition Town Bewegung beschrieben werden. Reinhard Hoffmanns Entwurf zum Thema Alternatives Leben im ländlichen Raum von 1978 reagiert auf Verstädterung, Umweltbelastung und Energiekrise mit der Neugründung einer Agrargemeinschaft, welche "in wesentlichen Bereichen des täglichen Lebens autark sein sollte" (Hoffmann). Die zu erbringende Planungsleistung umfasste neben der Konzeption von im Selbstbau wachsenden Wohngebäuden auch die Darlegung der auf den Feldern auszubringenden Fruchtfolge.

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Reinhard Hoffmann, Alternatives Leben im ländlichen Raum, 1978, Prof. Guldager, Ökologisches System 

Günter Klatts städtebauliche Arbeit Ortsentwicklung Engerode Calbecht verpflichtet sich 1980 der damals anbrechenden Suche nach Niedrigenergielösungen für seine Gebäude und erklärt die lockere Dichte dörflicher Nachbarschaften als den Eutopos der Zeit.

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Günter Klatt, Ortsentwicklung Engerode / Calbrecht, 1980, Prof. Guldager, Perspektive. Abb. Stadtarchiv Salzgitter 

Den Großsiedlungen der 1960er- und 70er-Jahre stehen diese Arbeiten bewusst entgegen. Deren Verheißungen des Lebenswerten kamen zunehmend als "unwirtlich" in Verruf (Mitscherlich), obwohl zum Beispiel Ernst Detlef Kohls Schnittzeichnungen zu einem Wohngebiet in Münster-Gievenbeck von 1965 zeigen, dass der pauschale Vorwurf eines fehlenden menschlichen Maßstabs bei genauerem Hinsehen den Lösungsvorschlägen der Zeit nicht gerecht wird: Architektur und Verkehrstrennung nehmen sehr wohl vom Menschen und seinen Bedürfnissen ihren Ausgang. Was sich ändert ist nicht der Anspruch des Eutopos sondern dessen konkrete Ausformulierung. Mit der Warnung des Club of Rome 1972 und der Gründung der Grünen Partei 1980 treten nun die Grenzen des Wachstums und der Umweltschutz langsam ins kollektive Bewusstsein.

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Ernst-Detlef Kohl, Wohngebiet Münster-Gievenbeck, 1965, Prof. Jensen, Schnitt 

Um Gegenwärtiges zu kritisieren und Zukünftiges zu beschreiben, braucht es zuweilen Bilder des visionären Anderorts. Hartmut Jentzschs Entwurf einer Schlossparktherme von 1972 ist so eine Arbeit, die neue Welten statt der bestehenden postuliert. Aus noch vorhandenen Kriegstrümmern (Aufbruch) und schon empfundenem Verkehrsinfarkt (Auto) sollte das Areal des Braunschweiger Schlossparks den Bürgern als lebendiger Ort neu geboren werden.

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Hartmut Jentzsch, Schloßpark Braunschweig, 1972, Prof. Ostertag, Modell 

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Hartmut Jentzsch, Schloßpark Braunschweig, 1972, Prof. Ostertag, Grundriss 

Anne Kettenburg ihrerseits geht 2013 auf die Suche nach dem Lebenswerten jenseits schöner Gestalt. In einer durch den dramatischen Anstieg des Meeresspiegels permanent überfluteten Seestadt Bremerhaven fragt sie bis an welche Grenzen ein Ort lebbar sei und erkundet mögliche Handlungsräume der Bewohner um zukünftige Auswirkungen des Klimawandels schon heute greifbar zu machen und kritisch zu begleiten (Waterkant).

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Anne Kettenburg, Seestadt Bremerhaven, 2014, Prof. Kiefer, Collage 

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Anne Kettenburg, Seestadt Bremerhaven, 2014, Prof. Kiefer, Schnitt 

Autor: Christian v. Wissel


Weiterführend:

Mitscherlich, Alexander: Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden, Frankfurt a.M. 1965.

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