Mega

Maschine, Schiff, Wolkenbügel... im Sog von Traum und Realität des technisch Möglichen haben Architekten seit der Industriellen Revolution eine Fülle an Bildern hervorgebracht, um Architektur und Stadt immer leistungsfähiger und weltumspannender zu denken und zu bauen. Maßstabssprengende Ausmaße wie Ansprüche haben so dem Präfix "Mega" seinen Platz bereitet. Was Crystal Palace, Unité d'Habitation und Eden Project dabei konzeptuell eint, ist ihr Gebaren, Stadt, Natur und Welt als von Mensch und Technik beherrschte Innenwelten zu begreifen. Alles unter einem Dach findet man zum Beispiel bei Peter Brandenburgs Sport- und Freizeitwelt von 1970 (Olympia, Tragwerk). Auch Diethelm Hoffmanns (1963) und Helge Bofingers (1968) Großformen umspannen als Bildungsbauten - mal strukturalistisch-neutral, mal expressiv-skulptural - die gesamte Lebenssphäre (Schule). Gemeinsam ist diesen Entwürfen, dass sie in ihrer Haltung nicht wie beim Raster auf Modularität oder theoretisch unbegrenzte Erweiterbarkeit setzen, sondern im Gegenteil ihre formal-bauliche wie soziale Souveränität zelebrieren.

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Diethelm Hoffmann, Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, 1963, Prof. Oesterlen, Modell 

Mega Bofinger Helge 1968 Modell FOTO Bofinger web

Helge Bofinger, Tagesheimgymnasium, 1968, Prof. Kraemer, Modell 

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Helge Bofinger, Tagesheimgymnasium, 1968, Prof. Kraemer, Grundriss Eingangsebene 

Dabei arbeiten Mega-Architekturen sowohl mit als auch gegen ihre Umgebung. Mit der Kraft von drei Zylindern, so scheint es, liegt Friedrich Pramanns Kulturzentrum wie ein Motor am Hang einer Stadt im Mittelmeerraum (1970) und entfaltet sich doch aus der Topografie des Ortes. Und auch Claus Gabriel strebt im selben Jahr in Funktion und Ausdruck seiner Fachhochschule für Nautik auf vollkommene Eigenständigkeit bei gleichzeitiger Integration in die Landschaft. Die Stadt im Haus wird hier zum architektonischen 'Mutterschiff', welches jeden Moment die Anker lichten könnte (Waterkant). Dass "Mega" aber eine streitbare Kategorie, und Größe für sich genommen für seine Bestimmung nur eine untergeordnete Rolle spielt, zeigen u.a. die Entwürfe von Erdal Dogrul und Wolf Geipel. 1972 vertäuen sie, der Diplomaufgabe folgend, ihre Film- und Fernsehakademie Hamburg in der Mitte eines durch kleinteilige Parzellen geprägten Umfeldes. Manch Nachbar würde hier wohl von einem Mega-Eingriff sprechen wollen - ein Einwand, dem die Verfasser mit einfühlsam gegliederten Baukörpern und fließenden, sich öffnenden Erdgeschosszonen sicher zuvorkommen.

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Wolf Geipel, Film- und Fernsehakademie Hamburg, 1972, Prof. Lehmbruck, Lageplan und Funktionsschema 

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Erdal Dogrul, Film- und Fernsehakademie Hamburg, 1972, Prof. Lehmbruck, Ansicht 

Selbstbewusst über die Umgebung hinaus in den Himmel wachsen die Hochhaustürme von Marc Aurel Jensen (Vertical Village, 2007), Frank Nikolaus Rickert (Drachentor, 2002) und Christel Erdmenger (Dencity London, 2016). In ihnen wird nun wirklich der Hochbau zur Stadt, und die Vertikale scheinbar mühelos bevölkert: sei es als Wohnmaschine für lateinamerikanische Megastädte, als sich im Strudel der Weltwirtschaft selbst auf- und abbauende Plug-In City für chinesische Firmenzentralen oder als Baukastensystem für Londons Griff nach den Wolken (Global).

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Frank-Nikolaus Rickert, Drachentor, 2002, Prof. von Gerkan, Schnitt 

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Christel Erdmenger, Dencity London. An urban vertical microcosm, 2016, Prof. Schuster, Vogelperspektive 

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Christel Erdmenger, Dencity London. An urban vertical microcosm, 2016, Prof. Schuster, Perspektive Fassade 

Was bleibt, ist die Frage nach dem Verständnis und Umgang mit der Natur im Inneren solch allumfassender Gebäudevolumen. Robert Tubbenthal (2016) stellt sich dieser Herausforderung, in dem er die Megaform seines Zentralarchivs in die Tiefen der Schweizer Berge rammt. Wieder im überschaubareren Maßstab beschäftigen sich auch Klaus Ihlenburg, Annette Kläner (beide Botanisches Institut, 1985) und Gylfi Guðjónsson (Ausbildungszentrum Rhode, 1973) mit dieser Thematik; und zeigen anhand ihrer Arbeiten wie sich der Gegensatz von Architektur und Natur im Anthropozän mal stufenweise, mal fließend auflöst (Riegel, Auto).

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Robert Tubbenthal, Zentralarchiv Helvetica: das Gedächtnis der Schweiz, 2016, Prof. Staab, Innenraumperspektive 

Mega Tubbenthal Robert MA2016 Zentralarchiv Helvetica Ansicht Schnitt Detailschnitt

Robert Tubbenthal, Zentralarchiv Helvetica: das Gedächtnis der Schweiz, 2016, Prof. Staab, Ansicht, Schnitt und Detailschnitt 

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Klaus Ihlenburg, Botanisches Institut, 1985, Prof. Ostertag, Schnitt 

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Annette Kläner, Botanisches Institut, 1985, Prof. Ostertag, Isometrie 

Autor: Christian v. Wissel

Weiterführend:

Sloterdijk, Peter: Sphären II. Globen, Frankfurt a.M 1999.

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