Perspektive

Jede Entwurfsdarstellung ist der Versuch, Ungebautes schon vor dessen Realisierung sichtbar zu machen. Anders als maßstabsgetreuer Grund-und Aufriss, als Schnitt und Axonometrie aber, die den Entwurf vor allem für dessen technische Umsetzung beschreiben, strebt die Perspektive nach Atmosphäre und stellvertretender Erlebbarkeit. "Perspektive" steht an dieser Stelle somit als Überbegriff für Visualisierungsversuche, die den Menschen als Benutzer eines "gestimmten Raumes" (Gernot Böhme) ins Zentrum rücken. In ihrer Masterthesis Healing Architecture greift Ulrike Knaur diesen Gedanken explizit auf und entwirft "Atmosphäre(n) des Lichts, der Farbe und der Materialien mit ihren sinnlichen Qualitäten, die zum Anfassen, Anfühlen animieren" (Ebd.).

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Ulrike Knaur, Healing Architecture, 2016, Prof. R. Schuster, Perspektive “Nebel” 

Sie tun dies auf unterschiedliche Weise: So gewährt uns Bernhard Gössler 1980 einen Blick hinter die Fassade seines Kongresshotels in Kiel - und führt uns ausgerechnet in die Gästezimmer mit zerwühlten Betten und weiblichem Akt. Von erzählerischer Art sind auch die Federzeichnungen, mit deren Hilfe Walter Ehlers 1962 seinen Entwurf für ein Einkaufzentrum zu Leben erweckt. Dass die Herren in geschlossenen Räumen genüsslich rauchen, mag uns als Zeichen einer vergangenen Zeit, vielleicht auch als verdeckter Hinweis auf Genuss und Sucht des Bummelns gelten.

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Bernhard Gössler, Kongresshotel in Kiel, 1980, Prof. Wagner, Perspektive 

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Walter Ehlers, Entwurf für ein Einkaufszentrum, 1962, Prof. Oesterlen, Perspektivskizzen 

Schneidige Studenten im Foyer der Studienstiftung (Udo Gebauhr, 1976) und Theatermord bei ausverkauftem Hause (Hinrich Storch, 1961) sprechen ebenfalls von Aneignung und Performanz der vorerst nur als perspektivische Zeichnung existenten Räume.

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Hinrich Storch, Kulturzentrum Salzgitter Lebenstedt, 1961, Prof. Oesterlen, Perspektive Theatersaal 

Bei Simon Banakar erwachen die Oberflächen zum Leben. Mit Hilfe des Computers gewährt er 2013 einen naturalistischen Vorgriff auf Material und Lichteinfall seines Entwurfs für ein Deutsches Tapetenmuseum Kassel. In Öl auf Leinwand entfaltet Hans-Hermann Krafft die Lichtspiele seiner Cine Città vorab schon als dramatische Malerei der Atmosphäre im Kinohaus (Kittel). Sven Wesuls schließlich greift zwar auf die Isometrie zurück als technische Visualisierung dessen, was werden soll, sprengt in der Collage aber den Rahmen des Zeichenblocks und erlaubt seinem Entwurf so, aus dem Blatt Papier (x2) in den Raum unserer Vorstellung zu treten (xn).

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Simon Banakar, Deutsches Tapetenmuseum Kassel, 2013, Prof. Penkhues, Perspektive Innen 

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Hans Hermann Krafft, Cine Città, 1989, Prof. Auer, Perspektivskizzen 

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Sven Wesuls, Therme - Berlin Lichtenberg, 2013, Prof. Staab, Isometrie 

Bereits Hans-Joachim Witt setzt 1964 auf die suggestive Kraft der Abstraktion. Den schemenhaften Fluggästen folgend, begibt sich der Blick unter das weite Dach des Abfertigungsgebäudes für den Flughafen Hannover-Langenhagen (Schreiten).

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Hans-Joachim Witt, Fluggast-Abfertigungsgebäude in Hannover-Langenhagen, 1964, Prof. Kraemer, Innenraumperspektive 

Marc Aurel Jensens Zeichnungen von 2007 sind sodann spielerisch-erklärend. Rauf und runter des Vertical Village folgt der Blick des Betrachters einer Vielzahl an Piktogrammen und Raumskizzen: die Brüstung hinab, den Seifenkisten hinterher, hinein in den Neufert'schen Nachweis über funktionale Bewegungsräume einer exemplarischen Küche. Anika Neubauer konzentriert sich 2013 auf die wesentlichen Elemente ihres landschaftsarchitektonischen Entwurfs für die Estación Valdívia in einer Serie von bewusst nur angerissenen szenischen Collagen, die sie als Postkarten aus der Zukunft an das Diplom ausgebende Institut schickt.

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Anika Neubauer, Estación Valdivia, 2013, Prof. Kiefer, Postkarten 

Einen ungewöhnlichen Weg der atmosphärischen Darstellung ihrer Denkmal Landschaft Peenemünde geht Astrid Bornheim (1998). Statt auf die suggestive Kraft der Zeichnung allein zu bauen, entführt sie für ihre Diplompräsentation in die nicht-materiellen Stimmungen dessen, was sein soll. In einer näherungsweise als "Lichtraum" zu beschreibenden Installation projiziert sie die Entwurfszeichnungen mit einem Diaprojektor auf eine Anordnung farbiger Siebdrucke und Glasplatten. In der Überlagerung und Durchdringung aus Bild und Farbe, Licht und Zeit, erwächst so eine atmosphärisch erlebbare "Karte", eine dialektische Re-Konfiguration der projektierten Realität.

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Astrid Bornheim, Denkmal Landschaft Peenemünde, 1998, Prof. Wehberg, Projektionstafel 

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Astrid Bornheim, Denkmal Landschaft Peenemünde, 1998, Prof. Wehberg, Publikation (Beispielseite) 

Eine Karte entwirft auch Rüdiger Stauth in seinem Ansatz zur Definition eines stadtbaugeschichtlichen Museums von 1990. In diesem seltenen Fall einer Dissertation, welche Entwurf und wissenschaftliche Analyse kombiniert, aktualisiert Stauth die Darstellungsweise der Analytique, jener Technik des 19. Jahrhunderts, die konstruktive Zeichnungen und Ansichten zu einem Gesamtbild der baukünstlerischen Intention überlagert. Entlang eines Pfades von Stationen zur Darstellung von Stadtbaugeschichte im Stadtgrundriss Braunschweigs öffnen sich wechselnde Ausblicke auf Freiraumgestaltungen und Gebäudeensembles, unbekümmert um deren maßstäbliche oder perspektivische Korrektheit. Einzig der Gestus der Hand als gestalterisches Äquivalent zur Konstruktion der Erinnerungsräume ist hier von Bedeutung (Horizont).

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Rüdiger Stauth, Entwurf von Stationen zur Darstellung von Stadtbaugeschichte. Ein Ansatz zur Definition eines stadtbaugeschichtlichen Museums (Dissertation), 1991, Prof. Ostertag, Analytique (Titelblatt) 

Autor: Christian v. Wissel

Weiterführend:

Böhme, Gernot: Architektur und Atmosphäre, München 2006.

Smithson, Robert: collected Writings hrsg. von Jack Flam, Berkeley 1996.

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