Ideal?

Writing

Tatjana Schneider

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Ideale – gerade, wenn sie sich wie Le Corbusiers Modulor darstellen – sprechen für mich von einem Architektur- und Raumverständnis, das dystopischer nicht sein könnte. Sie erzählen von Zwängen, die erfunden werden, um Räume zu formen, die eigentlich nicht für Menschen geschaffen werden. Denn: Wer von uns hat schon ihren oder seinen Bauchnabel auf 1,13 Meter Höhe oder eine Gesamtkörpergröße von 1,829 Metern?

Häuser als Biegemaschinen

Regelrechte Biegemaschinen sind dann die daraus resultierenden Häuser und gebauten Gebilde, die mit diesen und ähnlichen Maßvorgaben gezeichnet und umgesetzt werden. Apparate, die all das, was nicht dem (Von wem? Warum?) erdachten Ideal entspricht, verbiegen, damit es (also: der Mensch) in den idealen Raum passt. Die, die leicht größer sind, müssen sich bücken, die anderen strecken, andere passen einfach nicht rein. Das mit der Biegemaschine mag nun für viele Ohren unnötigerweise harsch klingen – doch ist dies nicht mein Begriff. Le Corbusier selbst, so Léopold Lambert – der Verleger der Zeitschrift The Funambulist –, benutzte dieses Wort, um über seine Architekturen zu sprechen. Körper sind dem Raum durch die Hand des Meisters klar untergeordnet. Es ist der Raum, der inszeniert wird. Nichts sonst spielt eine Rolle.

Paternalistische Weltsicht

Wie aus diesen überspitzten Sätzen herausgehört werden kann, entspricht diese paternalistische und deterministische Welt nicht meinen Vorstellungen von Raumproduktion. Zu einseitig ist sie. Zu sehr aus zu beschränkten und engen Perspektiven gedacht. Zu sehr nur aus dem Bild heraus gedacht. Zu sehr aus einer Logik entwickelt, die sich aus modularen Fertigungsprinzipien speist, aber holistische Betrachtungen – die auch unsere immer fragileren Lebenswelten einschließen – fast vollkommen ausschließt. Aus Vorstellungen also, die versuchen, jedwede Diversität, Unterschiedlichkeit und Vielfältigkeit in Schablonen und Schemata zu drücken.

Modulor als Kuriosum des 20. Jahrhunderts

Nutzen oder Nutzende selbst, Wünsche oder Bedarfe stehen hier nicht an erster Stelle. Hingegen fragt man sich, ob sie überhaupt einen Platz haben. Wenn ich nun also von meinem idealen Raum spreche, dann vorsichtig und unter der Prämisse, dies nicht als weiteres Schema zu begreifen, sondern als Denkstütze dafür, wie Raum anders gedacht und gemacht werden kann. Ich schlage also vor, den Modulor auf das Regal einer Vitrine zu verfrachten, um ihn – als museales Objekt – weiterhin als Kuriosum des 20. Jahrhunderts bestaunen zu können. Das Jetzt und die Zukunft brauchen andere Ideale, die sich aus Themen und Logiken ergeben, in denen bevormundende Strukturen und Vorstellungen dieser Art keinen Platz mehr haben.

Der Klimanotstand – und alles, was er mit sich bringt – erfordert keine starren Korsette, die mit teuren Scheinwerfern schön ausgeleuchtet werden können. Für mich wäre der ideale Raum oder eine ideale Architektur etwas, das sich endlich ganz grundsätzlich mit ihren teils verheerenden Konsequenzen und absoluten Möglichkeiten auseinandersetzt, um dann dazu beizutragen, bessere und nicht gewaltsame Zukünfte zu schaffen.

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Bundesarchitektenkammer