Athen – Spaziergänge und Gespräche über das emanzipatorische Potenzial von (urbanen) Landschaften

Field Trip

WS 2018/19 (Bachelor, Master)
Arne Herbote, Martin Peschken, Tatjana Schneider und Licia Soldavini

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Tatjana Schneider

Warum fahren wir nach Griechenland? Warum Athen? Auch, natürlich, um uns die antiken Stätten anzuschauen. Klar: die Akropolis und die Agora zum Beispiel. Aber eigentlich sind es andere Gründe die uns in dieses Land, in diese Stadt ziehen.

Um diese Gründe zumindest in Teilen zu erklären, muss man ins Jahr 2010 zurück; zum 23. April, um ganz genau zu sein. An jenem Tag bittet der damalige Premierminister Giorgos Papandreou die Europäische Union darum, seinem Land mit finanziellen Mitteln unter die Arme zu greifen. Im Nachhinein sagen alle, man hätte es doch kommen sehen: die hohe Verschuldung Griechenlands hatte sich schon lange angebahnt. Aber erst jetzt wird etwas unternommen, denn der bevorstehende Staatsbankrott soll abgewendet werden, um das Projekt Europa nicht zu gefährden. Und so bewilligen die EU und der Internationale Währungsfonds Gelder – viele Milliarden Euro. Helfen auch noch zwei weitere Male: im Jahr 2012 und wieder im Jahr 2015.

Aber diese ‘Hilfe’ kommt nicht ‘without strings attached’, sondern mit Auflagen zu umfassenden Spar- und Reformprogrammen, die verheerende Auswirkungen für die Bevölkerung hatten und immer noch haben. Obwohl Brüssel heute sagt, dass die Krise beendet sei, hört man gleichzeitig auch, dass der Staat immer noch pleite ist, dass die Menschen ärmer sind, dass Firmen immer noch in Bankrott gehen, dass das Bruttosozialprodukt seit 2010 um ein Viertel gesunken ist, dass junge Menschen abwandern, dass die Arbeitslosenquote sich verdoppelt hat. All das ist da, ist real und kann auch nicht weg- oder schöngeredet werden. Die Sozial- und Wirtschaftsreformen, dafür angelegt die Staatsschulden zu reduzieren, haben für Viele einschneidende Veränderungen bedeutet und etablierte Institutionen und Systeme, vom Gesundheits- bis zum Schulwesen und vom Baugewerbe bis zu Landwirtschaft, in Frage gestellt. Die Funktionen der Stadt, die häufig für gesetzt und gegeben angesehen werden, waren nun – zum Teil oder auch ganz – ausgesetzt. Es entstanden Nöte, Brüche, Lücken, unerwartete Frei- und Zwischenräume. Der Staat und seine Systeme, die sich oft so selbstverständlich und so top-down über die Stadt und unsere Existenzen legen, ‘funktionierten’ nicht mehr.

In diesem Vakuum entstanden nun andere Positionen: Aufgaben wurden ergänzt, Verantwortlichkeiten wurden neu erfunden, und Initiativen und andere Institutionen gegründet. Wenn diese aus Sparpolitik und der damit einhergegangen scarcity entstandene Situation und die multiplen (aus der Bevölkerung hervorgegangenen) Antworten darauf mittlerweile häufig auch schnell als ‘Kreativität’ etikettiert und als neues Marketingtool für das Land und besonders die Stadt Athen eingesetzt werden, verschleiert diese Interpretation, die Benutzung dieses Begriffes ‚Kreativität’, nicht nur die Ursprünge der jetzigen Situation, sondern auch das emanzipatorische Potenzial, das in den Neuerfindungen, den Selbstorganisationen und dem Miteinander dieser anderen Institutionen steckt. Diesem Schleier nun wollen wir uns widmen. Denn es ist genau dieses emanzipatorische Moment, oder die Hoffnung, die dieses Moment ausstrahlt, welches uns an dieser Stadt interessiert. Wir wollen die unterschiedlichen Situationen und Gegebenheiten durchwandern, die neben der marktwirtschaftlich und auf endlosen Wachstum ausgerichteten politischen Landschaft existieren, und ihre Möglichkeiten erörtern; wollen Orte in dieser Stadt besuchen, die ‚Helfen’ nicht als wirtschaftliche Einheit verstehen sondern als notwendige menschliche Eigenschaft; Plätze und Räume, die gemacht und gebaut werden, nicht weil deren Bedarf durch politische Gremien artikuliert wird, sondern weil Wünsche direkt geäußert und dann in den Nachbarschaften verhandelt werden; und Häuser, die nicht aufgrund von immobilienwirtschaftlichen Interessen geschaffen werden, sondern eingehen wollen auf andere Lebensformen und ein anderes Miteinander. Für uns ist Athen also ein Ort, der natürlich auch auf die produzierte Not reagiert hat, und vielleicht auch mit Kreativität neue Programme entwickelt hat. Die weiter reichende Wichtigkeit dieses Ortes ergibt sich aber eher aus dem anderen: dem aktiven Suchen nach anderen und verantwortungsvolleren Formen des Miteinanders. Also: deswegen geht’s nach Athen.

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Design: Simon Schindele